Herrlich, herrlich, jung zu sein


Die Vergänglichkeit sitzt mir im Nacken und flüstert mir ins Ohr. Vielleicht wird es nie wieder so. Ich möchte die Zeit anhalten und Momente in einer kontrollierten Ewigkeit auskosten. Aber nicht so bleiben, wie ich bin. Groß werden, alt werden, jung bleiben. Das geht alles. Wie geht das jetzt?

Die Vergänglichkeit drückt, sie ist schwer. Wir sind dran, wir retten die Welt, sonst ist es zu spät. Ich gehöre zu einer Generation starker Frauen – die sich emanzipieren ohne darüber nachzudenken, die sich von Strukturen lösen, die angezeigt haben, was richtig und was falsch ist. Wir reden über offene Beziehungen, über Polygamie und viel anderes, das nicht mehr definiert werden muss. Mein Bedürfnis, nur einen Menschen zu lieben, der auch mich in dieser Weise liebt, macht mich zum Spießer.

Offenheit bestimmt das Leben. Wir bilden uns selbst eine (politische) Meinung. Wir entscheiden uns nicht für einen Weg in die Zukunft, wir verlieren die Orientierung. Zeit geht verloren. Die Vergänglichkeit flüstert nicht mehr, sie schreit uns ins Ohr – Tinnitus. Tausend Möglichkeiten, herrlich, aber was wird aus mir? Wer vielfältig begabt ist, bedient all seine Leidenschaften gleichzeitig, und der Erfolg kommt nebenbei. Dabei gilt es, genug zu sein. Ich bin aber noch nicht einmal genug für mich selbst. Selbstbewusstsein macht attraktiv und ich bin selbstbewusst, damit andere mich attraktiv finden.

Interessen: der Klimawandel. Nachrichten. Wie Europa bald nicht mehr funktioniert. Master-Studiengänge im Ausland. Liebe zu fünft. Gefühle: Frei. Stark. Unabhängig. Bereit, das Leben aus der Hand zu geben.

Manchmal ist mir, als sei ich ein Mensch ohne Haut, nur noch Knochen und Herz, Bauch und Kopf. Langsam löse ich mich auf, zerfließe in alle Richtungen. Wer nicht mehr da ist, muss auch niemandem mehr gerecht werden. Aber ich liebe und lebe und genieße; lerne, durchlässig mit Kontur zu sein. Herrlich, herrlich, jung zu sein. Und, verdammte Scheiße, schwer ist es auch.